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Risk-Pooling für robustere Krankenhäuser

Methode aus betriebswirtschaftlichen Logistik für Versorgung und Wirtschaftlichkeit von Krankenhäusern.

Prof. Dr. Gerald Oeser von der FH Bielefeld.

© Gerald Oeser | FH Bielefeld

Bielefeld, 29. März 2021. Corona fordert Krankenhäuser auch ökonomisch heraus: Prof. Dr. Gerald Oeser von der FH Bielefeld hat in Kooperation mit der Universität Udine aus Italien anhand von 223 Hospitälern erforscht, wie die Häuser ihre Versorgung und ihre Wirtschaftlichkeit verbessern können, indem sie eine Methode aus der betriebswirtschaftlichen Logistik anwenden.

Lieferengpässe und Überlastungen vermeiden

Krankenhäuser stehen vor besonderen Herausforderungen: Hohe Nachfrage, wie aktuell nach bestimmten Medikamenten und Schutzausrüstungen, und Supply-Chain-Störungen können Lieferschwierigkeiten verursachen. Außerdem ist unsicher, wann wie viele Patientinnen oder Patienten mit welchen Krankheiten und Symptomen eingeliefert werden – besonders in Zeiten der Pandemie. Professor Dr. Gerald Oeser von der Fachhochschule (FH) Bielefeld erforscht deshalb, ob und wie das sogenannte „Risk-Pooling“ dazu beitragen kann, Lieferengpässe und Überlastungen zum Beispiel von Intensivstationen zu vermeiden. Noch wird das Verfahren vorwiegend in Industrie- und Handelsunternehmen angewendet.

Kritische Lage in Krankenhäusern

Liefer- und Kapazitätsengpässe haben erhebliche Auswirkungen auf die Versorgungsqualität der einzelnen Krankenhäuser. Darüber hinaus verschärfen sie die ohnehin angespannte finanzielle Lage vieler Häuser. „Untersuchungen zeigen, dass heute fast jedes achte Krankenhaus von Insolvenz bedroht ist“, sagt Oeser. Der Wissenschaftler lehrt allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Produktions- und Logistikmanagement am Fachbereich Wirtschaft der FH Bielefeld. Liefer- und Nachfrageunsicherheit existierte auch schon vor Corona in Krankenhäusern. Sie hat sich aber zuletzt aufgrund der Pandemie noch einmal zugespitzt. „Zum einen gibt es jetzt eine hohe Nachfrage nach ganz bestimmten Produkten wie Schutzmasken zum Beispiel“, so Oeser. „Zum anderen sind Arzneimittelhersteller, die Krankenhäuser beliefern, vielfach von Importen aus Indien und China abhängig, und diese Lieferketten waren durch die Pandemie erheblich gestört.“ Die Krankenhäuser stehen also nicht nur vor der Frage, wie sie weiterhin eine gute Versorgung sicherstellen können, sondern auch, wie sie weiterhin wirtschaftlich sein können, wenn Kosten steigen und Einnahmen aufgrund von Nachfrageänderungen und Kapazitätsreservierungen für Corona-Patienten und Patientinnen sinken.

Unterversorgung von Patient*innen

Eine Möglichkeit, sowohl die Versorgungsqualität zu sichern und Kosten zu senken, ist das sogenannte Risk-Pooling. Unter Risk-Pooling versteht man in der Logistik die zumeist IT-gestützte Bündelung individueller Nachfrage- und Lieferzeitschwankungen, wodurch Kosten in Unternehmen bei gleichbleibendem Servicegrad gesenkt werden können. Für Krankenhäuser besitzt Risk-Pooling automatisch auch eine ethische Dimension: „Bei Wirtschaftsunternehmen führt ein zu geringer Bestand zu Umsatzverlusten. In Krankenhäusern kann dadurch eine Unterversorgung der Patientinnen und Patienten entstehen“, erläutert Oeser. Mit gravierenden Risiken, wie der Blick in Länder zeigt, in denen Beatmungsgeräte knapp waren.

Im Risk-Pooling gibt es verschiedene Möglichkeiten, Schwankungen auszugleichen – begonnen bei der Beschaffung über die Lagerung bis zur Verteilung. Ein Zentrallager oder virtuelle Einsicht in verschiedene Lagerbestände kann Nachfrageschwankungen an verschiedenen Standorten ausgleichen, da diese gebündelt werden. „Das Prinzip kennt man aus dem Einzelhandel, wenn verschiedene Filialen über ein einheitliches System auf den gesamten Bestand zugreifen können und beispielsweise das Paar Schuhe in der gewünschten Größe einfach direkt aus einer Nachbarfiliale bestellt wird“, so Oeser.

Ein Lösungsweg

In geringem Maße findet Risk-Pooling bereits in Krankenhäusern Anwendung, beispielsweise beim Zugriff auf Blutkonserven oder – ganz aktuell, wenn Krankenhäuser mit geringerer Auslastung Patientinnen und Patienten aus Corona-Hotspots aufnehmen. Oft wird dabei allerdings der variabilitätsmindernde Vorteil des Risk-Poolings vernachlässigt. Weitere Methoden, die zum Risk-Pooling gehören, beinhalten die Bündelung von Bestellungen oder die Standardisierung von Produkten, Materialien und Geräten, um Nachfrageschwankungen ausgleichen zu können. Die Aufteilung einer Bestellung auf mehrere Lieferanten oder Lieferungen kann auf der anderen Seite Lieferzeitschwankungen reduzieren.

Verbesserte Wirtschaftlichkeit

Basierend auf einer Befragung von 223 deutschen Krankenhäusern untersuchte Prof. Oeser zuletzt gemeinsam mit Prof. Pietro Romano von der Universität Udine in Italien, wie zehn von ihm definierte Risk-Pooling-Methoden im Gesundheitswesen angewendet werden können. Die teilnehmenden Krankenhäuser wurden dabei gefragt, welche Methoden in ihren Krankenhäusern derzeit angewendet werden bzw. angewendet werden könnten und welche Herausforderungen sie bei der Anwendung dieser Methoden im Arbeitsalltag sehen.

„Unsere Forschung ist die erste, die empirisch zeigt, dass die Anwendung von Risk-Pooling positiv mit der wirtschaftlichen Leistung von Krankenhäusern korreliert, ohne sich dabei negativ auf die Versorgung von Patientinnen und Patienten auszuwirken“, so Oeser. „Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Risk-Pooling die wirtschaftliche Situation von Krankenhäusern verbessern kann und die Bündelung von Lagerbeständen, Querlieferungen und Substitution von Medikamenten und Konsumgütern besonders effektiv sind. Eine aufgeschobene Variantenbildung erscheint im Gesundheitswesen jedoch ungeeignet aufgrund des Aufwands, eventueller Verzögerungen bei der Behandlung und Haftungsfragen.“ Die Ergebnisse der Umfrage wurden kürzlich in der Fachzeitschrift „Operations Management Research“ veröffentlicht.

Originalmeldung:
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Ansprechpartner:
FH Bielefeld
Leiter Hochschulkommunikation
Dr. phil. Lars Kruse
+49 (0)521 106 7754
presse@fh-bielefeld.de

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2021-03-30T14:42:53+02:0030.03.2021|Kategorien: Gesundheit & Pflege, Wirtschaft & Unternehmen|Tags: |

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