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Ein Thema – zwei Stimmen

Ein Thema – zwei Stimmen2020-10-26T12:31:39+01:00

Meinungen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft

Wir machen Platz für Meinungen und Positionen: In Interviews befragen wir Minister, Staatssekretäre, Abgeordnete, Präsidenten, Vizepräsidenten sowie Experten aus Mitgliedshochschulen und Unternehmen zu Themen wie Digitalisierung, Klimaschutz, Pflege und Cyber-Security. Persönlich und direkt. Ein Thema – zwei Stimmen. Hier erfahren Sie mehr.

Unser Thema im Oktober 2020:

Künstliche Intelligenz – Veränderungen und Visionen

Minister Prof. Dr. Andreas Pinkwart | Ein Thema - zwei Stimmen

© MWIDE NRW

Speziell mit Blick auf die Forschung lässt sich sagen, dass Deutschland über eine exzellente Ausgangslage im Bereich der Künstlichen Intelligenz und des Maschinellen Lernens verfügt und den internationalen Vergleich sicher nicht scheuen muss. Dank zahlreicher Universitäten und Forschungseinrichtungen wie der Fraunhofer-Gesellschaft, der Max-Planck-Gesellschaft, dem DFKI und vielen weiteren exzellenten Institutionen, weist Deutschland eine leistungsfähige Wissenschafts- und Forschungslandschaft im Bereich KI auf. Insbesondere das Industrie- und Innovationsland Nordrhein-Westfalen kann auf eine langjährige Erfahrung im Bereich der Künstlichen Intelligenz zurückblicken und stolz auf seine Vorbildfunktion sein, wenn es darauf ankommt, Wirtschaft und Forschung zu verzahnen und anwendungsorientierte KI-Forschung voranzutreiben.

In NRW wird also nicht nur exzellente Forschung betrieben, es werden KI-basierte Anwendungen entwickelt, die der internationalen Konkurrenz in nichts nachstehen und sie sogar übertreffen. Das Kölner Start-up DeepL ist z.B. führend im Bereich der Textübersetzung und das Dortmunder Unternehmen RapidMiner weist eine Erfolgsgeschichte auf, die durch die fruchtbare Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft entstanden ist.

Allerdings gibt es auch viel Nachholbedarf und es besteht ein enormer Handlungsdruck, denn die Wettbewerbssituation rund um KI ist sehr dynamisch. Viele Unternehmen in Deutschland und Europa fangen gerade erst an, sich zu orientieren und müssen sich nun baldmöglichst strategisch positionieren. KI wird zukünftig jede Branche beeinflussen – es ist daher dringend angeraten, jetzt die richtigen Weichen zu stellen. Wir haben in Deutschland eine gute Basis für die KI-Entwicklungen der Zukunft. Allerdings muss sichergestellt werden, dass die etablierten Unternehmen wettbewerbsfähiger werden und zugleich ein Umfeld geschaffen wird für neue Unternehmen, die ihre Geschäftsmodelle global skalieren können.

Der Mensch ist ständigen Innovationszyklen ausgesetzt, die naturgemäß Auswirkungen auf das Privat- und Arbeitsleben haben. Die Zukunftstechnologie Künstliche Intelligenz hat dabei das Potenzial, die Prozesse in Unternehmen effizienter zu gestalten, die Qualität der Produkte zu verbessern und Kunden zielgerechter zu informieren. Eine KI-basierte Datenanalyse kann unterstützen, bessere unternehmerische Entscheidungen zu treffen. Bei all diesen Innovationen muss allerdings immer das Prinzip gelten, dass die Technologie für den Menschen entwickelt und eingesetzt wird. Bestimmte Tätigkeiten werden durch den Einsatz von KI unterstützt und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer entlastet. Die Technologie hat das Potential, Abläufe zu verbessern, indem z. B. der Ausfall von Produktionsmaschinen vorzeitig angekündigt wird oder komplexe Informationen übersichtlich dargestellt und zur Erleichterung von Entscheidungen eingesetzt werden. Unabdingbar ist dabei, dass die eingesetzte Technologie immer vom Menschen selbst kontrolliert und gesteuert und das Zusammenspiel von Mensch und Maschine zum gegenseitigen Nutzen gestaltet wird. Um dieses Ziel zu erreichen, wird die berufliche Aus- und Weiterbildung als Teil der digitalen Kompetenzerweiterung bei Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern immer wichtiger und dringlicher. KI verändert jedoch nicht nur unsere Arbeitswelt, sondern findet bereits heute Einzug in viele Bereiche des privaten Lebens. Auch hier muss sichergestellt werden, dass ein verantwortungsbewusster und aufgeklärter Umgang mit den intelligenten Assistenten stattfindet.

Die digitale oder auch Datenkompetenz (Data Literacy) ist schon heute über alle Bildungswege hinweg wichtig und muss weiterhin substanziell gestärkt werden. Im Hinblick auf eine mündige Nutzung von KI im Alltag und Beruf muss für Mechanismen und Grenzen der Technologie sensibilisiert werden, Kompetenzen erweitert und neue Know-how-Felder geschaffen werden.

Wie bereits angesprochen, wird Künstliche Intelligenz zukünftig jede Branche in unterschiedlichen Ausmaßen beeinflussen. Daher ist es so wichtig, sich jetzt mit KI zu beschäftigen. Neben wirtschaftlichen Potenzialen in der Produktion oder dem Finanzsektor bietet Künstliche Intelligenz auch unzählige Möglichkeiten, die großen gesellschaftlichen Herausforderungen der heutigen Zeit wie Klimawandel, Mobilität oder Gesundheit zu gestalten. Im Bereich Umwelt und Klima erstrecken sich die Einsatzmöglichkeiten von der Auslastungsoptimierung von Windrädern bis hin zu der Vorhersage von Umweltkatastrophen und der Steuerung von Schutzmaßnahmen. Die landwirtschaftliche Versorgung mit Grundnahrungsmitteln kann mithilfe intelligenter Systeme überwacht, Unregelmäßigkeiten schnell erkannt und entsprechende Maßnahmen eingeleitet werden. Die Technologie bietet ebenso viele Möglichkeiten im Gesundheitsbereich. Sowohl die Diagnostik von Krankheitsbildern, als auch die Dosierung von Therapiemaßnahmen, z. B. in der Krebsbehandlung können durch KI so verbessert werden, dass Patienten weniger Nebenwirkungen erleiden müssen und bessere Genesungschancen haben. Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen können maßgeblich von der Unterstützung intelligenter Systeme profitieren, um etwa fehlende Sehkraft auszugleichen oder durch intelligente Prothesen mit Anbindung an das steuernde Nervensystem.

Allgemein gesprochen ist es heute noch gar nicht abschließend vorherzusehen, welche Möglichkeiten durch die Entwicklungen der KI noch entstehen werden. Klar ist jedoch, dass wir heute den Grundstein dafür legen, dass auch alle zukünftigen Entwicklungen dazu dienen, uns als Menschen zu unterstützen.

Zunächst einmal ist es grundsätzlich ein guter Mechanismus, eine neue Technologie auch zu hinterfragen, und nicht zum bedenkenlosen Einsatz in allen möglichen Bereichen überzugehen. Vor allem im Bereich der KI zeichnet uns dieses Vorgehen in Europa aus. Die bestehende Skepsis darf allerdings nicht dazu führen, dass wir die genannten Potentiale verstreichen lassen. Daher ist es wichtig, die bestehenden Vorbehalte gegenüber Künstlicher Intelligenz im Allgemeinen abzubauen und das Vertrauen in KI durch eine bessere Aufklärung zu stärken.

Europa und Deutschland verfolgen in diesem Zusammenhang das klare Ziel, mit einem menschenzentrierten Ansatz der Künstlichen Intelligenz eine nachhaltige Alternative zu den bestehenden Marktmächten zu etablieren. Von den beteiligten Akteuren fordert die EU einen verantwortungsvollen Umgang und die Entwicklung einer vertrauenswürdigen KI, um die Akzeptanz der Technologie zu gewährleisten. Relevante Aspekte sind dabei nicht nur ethische und moralische Komponenten oder die rechtlich-juristische Betrachtungen, sondern auch die Sicherheit, Verlässlichkeit, Transparenz, Fairness und Autonomie für alle Nutzergruppen im Einsatz der Künstlichen Intelligenz.

Um diese Forderungen umzusetzen, erarbeitet die Kompetenzplattform für Künstliche Intelligenz in NRW, kurz KI.NRW, und das Fraunhofer IAIS einen Prüfkatalog zur Zertifizierung von Künstlicher Intelligenz mit dem Ziel, das gesellschaftliche Vertrauen in KI-Anwendungen zu stärken. Diese deutlichen Schritte hin zu einem KI-Gütesiegel unter ethischen, rechtlichen und philosophischen Gesichtspunkten erzeugt Vertrauen, etabliert – übrigens aus NRW heraus – die Qualitätsmarke »KI Made in Germany« und unterstreicht den Anspruch, Künstliche Intelligenz menschzentriert zu denken.

Insbesondere mit Blick auf KI-Anwendungen, die an sicherheitskritischen oder sensiblen Stellen eingesetzt werden, etwa beim Autonomen Fahren oder in der Medizin, müssen Anwendungen überprüfbar konstruiert werden und ethische sowie rechtliche Rahmenbedingungen bereits beim Design erfüllen. Zusätzlich zu diesen Bestrebungen, ist es unerlässlich, einen fortlaufenden Dialog mit der Gesellschaft zu suchen und durch die Beteiligung aller, das Vertrauen in Zukunfts- und Schlüsseltechnologie weiter zu stärken.

Das zentrale Anliegen muss lauten, den Transfer der KI-Forschung in den praktischen Einsatz so zu gestalten, dass die Potentiale für unsere Wertschöpfung sowie für die beschriebenen gesellschaftlichen Herausforderungen gehoben werden können. Damit einher geht ein klarer Fokus auf die Einhaltung unserer geltenden europäischen Werte wie Selbstbestimmung, (Daten)-Sicherheit und Transparenz, so dass die Anwenderinnen und Anwender im beruflichen wie im privaten Kontext auf die Technologie vertrauen können. Auf dem Weg dorthin werden in Deutschland und Europa die Kräfte gebündelt, um den menschenzentrierten Einsatz der Künstliche Intelligenz zu stärken und damit ein weltweites Signal in Richtung der technologischen Entwicklungen zu senden.

Die bereits angesprochene Initiative zur Entwicklung und Zertifizierung von vertrauenswürdiger KI ist hierbei ein wichtiger Baustein, um den Vorbehalten und der Skepsis auf diesem Weg zu begegnen. Durch einen interdisziplinären Austausch zwischen Expertinnen und Experten aus den Bereichen Machine Learning, Philosophie, Rechtsprechung sowie Regulierung und Prüfung wird ein Standard geschaffen, der technisch zuverlässige und ethisch verantwortungsvoller KI-Anwendungen ermöglicht. Dazu wird ein Prüfkatalog („Bonner Katalog“) entwickelt und anhand verschiedener Use-Cases getestet, mithilfe dessen sachverständige Dritte eine Zertifizierung von KI-Systemen vornehmen können.

Einen weiteren wichtigen Beitrag auf dem Weg zu Innovation durch KI stellt auch das Projekt GAIA-X dar, welches den Zugang zu einer sicheren europäischen Digitalinfrastruktur ermöglicht und in Zusammenarbeit mit der International Data Spaces Association eine Struktur zum souveränen Datenmanagement und Austausch von Daten für KI-basierte Geschäftsmodelle etabliert. So wird die Grundlage für ein branchenübergreifendes, digitales und europäisches Ökosystem geschaffen, um gegenüber weltweiten (Plattform-)Konkurrenten wieder einen sicheren Stand einnehmen zu können.

Die strategische Ausrichtung der EU und der Mitgliedstaaten zeigt deutlich, dass wir einen verantwortungsvollen Umgang fordern und diesen auch in Wirtschaft und Gesellschaft verankern wollen. Eine enge Zusammenarbeit der Beteiligten ist in diesem Prozess unabdingbar und so sollten sich lokale Akteure zunehmend vernetzen und zusammenarbeiten, um das gemeinsame Ziel zu erreichen.

Prof. Dr. Hendrik Wöhrle | Ein Thema - zwei Stimmen

© Prof. Dr. Hendrik Wöhrle

Prof. Dr. Hendrik Wöhrle | Fachhochschule Dortmund
Professor für Intelligente autonome Sensor- und Aktor-Systeme

Deutschland hat in der Vergangenheit wichtige Pionierarbeit im Bereich der KI geleistet. Aktuell ist die Situation jedoch etwas problematisch. Vor allem durch die großen Digitalkonzerne wird z.B. in den USA, in den letzten Jahren auch in China, wesentlich stärker in die KI investiert. Darüber hinaus wird derzeit auch die Forschung im Bereich KI vorrangig von diesen Ländern dominiert, insbesondere in dem gegenwärtig wichtigsten Themengebiet des maschinellen Lernens und der Neuronalen Netze. In Deutschland findet die KI momentan einen immer größeren Eingang in die Wirtschaft, was eine wichtige Entwicklung ist. Deutschland steht zwar insgesamt nicht so schlecht da, es könnte gemessen an seinem akademischen und wirtschaftlichen Potential jedoch eine wichtigere Rolle spielen, als es derzeit tut.

Die KI ermöglicht es, auch komplexere Tätigkeiten zu automatisieren, die bisher dafür nicht in Frage kamen. Durch die KI können sogar Tätigkeiten übernommen oder effizienter gestaltet werden, die ein gewisses Maß an Intelligenz voraussetzen. Dies kann wesentliche Auswirkungen auf die Arbeitswelt in fast allen Bereichen haben. Es gibt jedoch auch Bereiche, die sich kaum oder niemals durch KI-Systeme ersetzen lassen, etwa wenn der soziale Umgang und zwischenmenschliche Beziehungen wichtig sind. Ob es dann insgesamt zu einem Verlust an Arbeitsplätzen kommt oder sogar neue, insbesondere qualifizierte, Arbeitsplätze entstehen, ist umstritten. Hier kommt es darauf an, wie die Politik den Rahmen für den Einsatz von KI-Systemen gestaltet. Fakt ist jedenfalls, dass die Bedeutung von Bildung und auch Weiterbildung immer wichtiger werden, damit sich auch Schüler*innen und Studenten*innen zukünftig mit dem Thema auskennen und Arbeitskräfte sich an die sich ändernden Anforderungen in der Arbeitswelt anpassen können.

Eine neue Entwicklung ist, dass KI vermehrt nicht nur auf leistungsstarken Rechnern oder in einer Cloud eingesetzt wird, sondern „vor Ort“: lokal in einem technischen System, beispielsweise einem Roboter, Automobil oder medizintechnischem System. Dies erlaubt es, dass Daten nicht über das Internet übertragen werden müssen, so dass die KI schnell reagieren und Entscheidungen treffen kann. Außerdem können Daten so besser vor ungewolltem Zugriff geschützt werden. Dazu muss die Hardware, auf der die Berechnungen für die KI durchgeführt werden, jedoch sehr kompakt und energieeffizient, aber trotzdem für die KI-Algorithmen schnell genug sein. Dass kann z.B. durch Spezialprozessoren ermöglicht werden. Dadurch eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten für eine KI, die in technische Systeme eingebettet ist. Dies erlaubt, dass Roboter wesentlich intelligenter als bisher agieren können, dass medizintechnische Geräte genauer werden und sich an ihre Benutzer anpassen oder dass Geräte rechtzeitig selber erkennen können, dass sie bald eine Fehlfunktion aufgrund von Verschleiß erleiden und ersetzt werden müssen. Neben der Robotik und Medizintechnik wird dies auch in vielen anderen Bereichen dazu führen, dass sich die KI dort besser einsetzen lässt, etwa im Maschinenbau oder der Mobilität. Insbesondere für die technisch geprägte mittelständische deutsche Wirtschaft kann ein solcher Ansatz einen wesentlichen Effizienzgewinn und großen Vorteil bedeuten.

Hier gibt es meist mehrere wesentliche Befürchtungen in der Bevölkerung, die sehr unterschiedliche Ursachen haben. Eine sehr dystopische Befürchtung ist, dass eine KI ein Bewusstsein und einen eigenen Willen entwickelt und dann die Herrschaft übernimmt. Von einer solchen „Superintelligenz“ ist die heutige Wissenschaft jedoch sehr weit entfernt, und es ist umstritten, ob so etwas überhaupt jemals möglich sein wird. Wer jedoch versteht, wie die heutige KI funktioniert, betrachtet ein solches Szenario nicht mehr als realistisch. Durch eine entsprechende Ausbildung und das Bemühen, KI allgemeinverständlich zu erklären, können diese Ängste genommen werden. Eine weitere Befürchtung ist, dass die Daten, welche für die Nutzung der KI notwendig sind, nicht ausreichend geschützt werden. Insbesondere für die Techniken des maschinellen Lernens spielt der Datenschutz also eine wichtige Rolle. Dieser muss gewährleistet werden, was nur durch entsprechende Regulierungen, europäische KI-Initiativen und die „lokal operierenden KI-Systeme“ erreicht werden kann. Es bedarf hier also entsprechender Regeln, neuer Techniken und großer Transparenz.

Künstliche Intelligenz ist wie ein Werkzeug zunächst weder etwas Gutartiges noch Bösartiges. Es ist jedoch wichtig darauf hinzuwirken, dass das „Werkzeug KI“ so eingesetzt wird, dass die KI der Gesellschaft dient und den Menschen hilft und sie unterstützt. Hierbei ist es wichtig, auf ethisch vertretbare und sozialverträgliche Verwendungsweisen wertzulegen und ein entsprechendes rechtliches Rahmenwerk zu schaffen. Dazu ist insbesondere weitere Forschung wichtig, um genau verstehen und erklären zu können, wie KI-Systeme ihre Entscheidungen treffen, was insbesondere bei Neuronalen Netzen noch schwerfällt.

Um international nicht den Anschluss im Bereich KI-Forschung zu verlieren, wird weitere Förderung für die Forschung benötigt. Aktuelle Forschungsprogramme müssen verstetigt und ausgebaut werden. Außerdem müssen Entwicklungen der Forschung in die Wirtschaft transferiert werden, etwa durch verstärkte Unterstützung von entsprechenden Firmengründungen. Außerdem ist es wichtig, dass sich Deutschland europäische Partner sucht, die sich ebenfalls grundsätzlich an einer dem Gemeinwohl dienenden Nutzung der KI orientieren und dazu entsprechende europäische Initiativen anregen.

Unser Thema im August 2020:

Neue Chancen durch Telemedizin

Minister Karl-Josef Laumann | Ein Thema - zwei Stimmen

© MAGS NRW

Telemedizinische Anwendungen kommen bereits heute in Diagnostik, Therapie und Rehabilitation sowie bei der ärztlichen Entscheidungsberatung zum Einsatz. Die Telemedizin kann sowohl Ärzte wie auch nicht-ärztliches medizinisches und pflegerisches Personal bei Ihrer Arbeit unterstützen. Beispielsweise ermöglichen Telekonsile die schnelle Verfügbarkeit fachärztlicher Expertise in der Hausarztpraxis und die Videosprechstunde hilft Patienten Anfahrtswege zu sparen, was bei immobilen Patienten oder auch nach Operationen eine sinnvolle Hilfestellung sein kann. Auch für psychotherapeutische Gespräche müssen Patienten nicht jedes Mal in die Praxis kommen. Möglich ist auch Verknüpfung von Videokonferenzen mit einer elektronischen Übertragung von Vitalwerten zwischen Arzt und nicht-ärztlichem Personal oder Pflegefachkraft, um die Qualität von Hausbesuchen oder im Pflegeheim zu verbessern.

Einige Leistungen, wie Videosprechstunden zwischen Arzt und Patient, Videofallkonferenzen mit Pflegekräften in Heimen aber auch in der Häuslichkeit des Patienten und ausgewählte telekonsiliarische Befundbeurteilungen werden bereits heute von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.
Die Landesregierung hat die Bedeutung der Telemedizin für die medizinische Versorgung im Land frühzeitig erkannt. Deshalb fördern wir beispielsweise seit vergangenem Jahr die Hard- und Software-Ausstattung von Arztpraxen und Pflegeeinrichtungen mit zwei Millionen Euro pro Jahr. Damit geben wir einen Impuls in die Versorgungslandschaft.

Daneben habe ich das Virtuelle Krankenhaus ins Leben gerufen. Seit Herbst vergangenen Jahres arbeiten Experten aus der Selbstverwaltung, Kliniken und den Kassen gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium am Aufbau dieser innovativen und bundesweit einmaligen Einrichtung. Wir machen damit die medizinische Exzellenz in unserem Land für alle Krankenhäuser und deren Patienten verfügbar. In der Hochphase der Corona-Pandemie hat das Virtuelle Krankenhaus bereits im Pilotbetrieb seinen Nutzen bewiesen: Schwerst erkrankte Patienten konnten telemedizinisch betreut werden und von der Expertise der Universitätskliniken Aachen und Münster profitieren. Das ersparte unter anderem belastende Verlegungen und hat Leben gerettet.

Telemedizinische Anwendungsszenarien
Telemedizinische Konsile und Videosprechstunde
Mithilfe telemedizinischer Konsile können Ärzte ortsunabhängig auf die Expertise ausgewiesener Spezialisten, zum Beispiel aus Universitätskliniken, zurückgreifen. Patienten mit unbekannter Diagnose, seltenen Krankheiten oder komplizierten Krankheitsverläufen kann so schneller geholfen werden. Sie müssen in der Regel weite Wege zu Spezialisten auf sich nehmen oder viele verschiedene Fachärzte konsultieren, bis sie Hilfe erhalten. Videosprechstunden können Patienten auch direkt einen niederschwelligen Zugang zu ihrem Hausarzt oder auch zu Fachärzten bieten.
Telekonsile können sinnvoll unterstützt werden, indem alle an der Behandlung beteiligten Ärzte – die Zustimmung des Patienten vorausgesetzt – über eine gemeinsame elektronische Akte, wie zum Beispiel die elektronische Fallakte (EFA), auf alle behandlungsrelevanten Daten zugreifen. Insbesondere in der Palliativversorgung und in Hospizen, wo es sich meist um multiprofessionelle Versorgungsteams aus spezialisierten Ärzten und Pflegekräften, oftmals unter Beteiligung der Angehörigen, handelt, können Telekonsultationen wesentlicher Bestandteil des Versorgungsprozesses sein. Aufgrund der Schwere der Erkrankung ist das Behandlungsteam besonders auf eine orts- und zeitunabhängige Kommunikation und eine lückenlose Datenbereitstellung angewiesen.
Telemedizinische Konsile können von Ärzten bisher nur sehr begrenzt abgerechnet werden.

Telemedizinisch gestützte Delegation
Delegierbare Aufgaben, die durch entsprechend qualifiziertes nicht-ärztliches Personal erbracht werden, können durch eine Videovisite des Arztes ergänzt werden. Wenn zusätzlich Vitalwerte der Patienten aus der häuslichen Umgebung (z. B. EKG oder Blutzuckerwerte) direkt in die Arztpraxis übertragen werden, kann der behandelnde Arzt bei Bedarf ohne weiteren Zeitverzug Maßnahmen vor Ort anordnen. Wenn die beim Patienten erfassten Vitaldaten auch noch direkt in das Praxisinformationssystem übertragen werden, liegen dem Arzt strukturierte Informationen direkt in seiner Patientenakte vor, wodurch sich eine von Übertragungsfehlern befreite Verlaufsdokumentation ergibt. Gleichzeitig verringert sich der Übertragungs- und Dokumentationsaufwand erheblich.
Stand heute werden noch kaum Komplettlösungen angeboten, die ein Vorgehen, wie oben beschrieben, ermöglichen. Die Anbindung der medizintechnischen Geräte, wie Waage, Blutzuckermessgerät etc. an das IT-System der Arztpraxis ist aufgrund der zahlreichen unterschiedlichen Systeme aufwändig und wird aufgrund der fehlenden Refinanzierungsmöglichkeiten von den Herstellern bisher kaum umgesetzt.

Elektronische Visite in der Pflege
Die elektronische Visite in Pflegeheimen oder auch die Konsultation des Arztes durch den ambulanten Pflegedienst kann für die Patienten belastende Transporte in die Arztpraxis oder gar vorschnelle Krankenhauseinweisungen vermeiden. Gleichzeitig kann eine engere ärztliche Begleitung sichergestellt und damit die Versorgung verbessert werden. Auch hier können neben der Videokonferenz zusätzliche Geräte zur Erfassung von Vitaldaten, wie Blutdruck, Blutzuckerspiegel oder EKG ergänzend zum Einsatz kommen.
Obwohl bereits Vergütungsmöglichkeiten existieren, werden sie in der Praxis bisher kaum genutzt.

Die Videosprechstunde ist nur ein einfaches Beispiel für die Vorteile, die die Telemedizin bieten kann – immer in Ergänzung zur klassischen medizinischen Versorgung. Die Videosprechstunde erlebt durch die derzeitige Coronaviruskrise neuen Aufschwung, weil sie Patienten mit Virus-Symptomen ermöglicht, den Gang zum Arzt zu vermeiden und stattdessen zunächst digital mit dem Arzt in Kontakt zu treten. Durch die Videosprechstunde kann sich der behandelnde Arzt einen umfassenden Eindruck zum Gesundheitszustand verschaffen und schon per Fernbehandlung weiterhelfen.
Damit hat die Videosprechstunde das Potenzial, die Verbreitung des Virus verlangsamen und gleichzeitig schützt sie andere Patienten – insbesondere chronisch und ernsthaft Erkrankte – und auch das medizinische Personal vor einem unnötigen Infektionsrisiko.

Telemedizin als Ergänzung und Weiterentwicklung der medizinischen Versorgung kann in vielen anderen Bereichen unterstützen. Ein großer Vorteil ist vor allem die Geschwindigkeit, die eine Echtzeit-Übertragung von bspw. Bilddaten, aber auch anderen Informationen ermöglicht. Ob fachärztlicher Austausch oder digitale Krankschreibung und e-Rezept – solange die Anwendungen einen direkten Nutzen für den Patienten haben, sehe ich große Vorteile im technischen Fortschritt.

Eine Grundvoraussetzung für den erfolgreichen Einsatz telemedizinischer Anwendungen auf Patientenseite ist die leichte Bedienbarkeit der Geräte, gerade für ältere Menschen. Diese Menschen hatten bisher nur relativ wenige Berührungspunkte mit solchen Geräten. Gerade bei chronisch Kranken ist das wichtig, die entsprechende Geräte selbstständig zuhause nutzen sollen. Die besonderen Bedürfnisse älterer Menschen, z.B. Schwierigkeiten beim Sehen, Hören oder bei der Fingerfertigkeit, müssen deshalb bei der Gestaltung der Anzeigen und Bedienungselemente berücksichtigt werden. Der Markt entwickelt sich allerdings rasant und geht in vielen Anwendungen zielgruppengerecht auf den Bedarf ein.

Die nötige Bandbreite ist inzwischen zumindest bei den nordrhein-westfälischen Kliniken nahezu flächendeckend vorhanden, insofern sind die Herausforderungen für den ländlichen Raum in dieser Hinsicht überschaubar. Die Menschen im ländlichen Raum profitieren allerdings sehr davon, wenn ihr Hausarzt schneller verfügbar ist, die Möglichkeit eines Hausbesuchs per Televisite bietet und auf die Expertise in unterschiedlichsten Fachgebieten landesweit zugreifen kann.

Wichtiger sind hier einheitliche Standards. Telemedizin bedeutet die Anwendung von Kommunikationsmitteln und beinhaltet damit die Anforderung von Interoperabilität zwischen den Kommunikationspartnern, das heißt, Sender und Empfänger müssen auch miteinander arbeiten können.

Prof. Dr. Marcus Baumann | Ein Thema - zwei Stimmen

© FH Dortmund

Prof. Dr. Britta Böckmann | Fachhochschule Dortmund
Professorin für Medizinische Informatik

Für Patient*innen sind die Möglichkeiten, Telemedizin zu nutzen, sehr beschränkt. Da die meisten niedergelassenen Haus- und Fachärzte sich wenig auskennen und die wenigsten bislang an telemedizinischen Programmen teilnehmen, ist es schwer, überhaupt an gute Informationen zu kommen. Eine Ausnahme bilden telemedizinische Anwendungen, die rein auf einer App basieren, diese werden von den gesetzlichen Krankenversicherungen teils propagiert und demnächst über das Register beim BfArM auch zur Verschreibung durch Ärzt*innen zur Verfügung stehen. Ein Beispiel mag den Zustand illustrieren – ob ein Patient mit Herzinsuffizienz von der Möglichkeit des Telemonitorings erfährt, hängt davon ab, bei welcher Versicherung er ist, wo er wohnt und zu welchem Arzt er geht.

Ärzt*innen im ambulanten Bereich können Videosprechstunden anbieten, die meisten telemedizinischen Programme erfordern jedoch intersektorale Kooperationen. Im stationären Bereich haben sich einige wenige Anwendungen wie Teleradiologie und Schlaganfallnetzwerke durchgesetzt.

Ein großer Vorteil der Telemedizin liegt in der ortsunabhängigen Verfügbarkeit medizinischen Wissens. So kann fachärztliche Expertise auch in dünn besiedelten Landstrichen zur Verfügung stehen, universitäre Kompetenz im ganzen Land verteilt werden, wie wir am virtuellen Krankenhaus und der Corona-Sprechstunde sehen. Mit Telemedizinzentren, die 24/7 auch Patienten zur Verfügung stehen, könnten darüber hinaus auch die Notaufnahmen entlastet werden. Es gibt ausreichend Studien, die zeigen, dass z.B. Telemonitoring bei Herzinsuffizienz nicht nur Hospitalisierung vermeiden kann, sondern auch überleben verbessert. Generell ist aus meiner Sicht wichtig, Telemedizin als sinnvolle Ergänzung, nicht Ersatz der Präsenzmedizin zu verstehen.

Videosprechstunden können auch hier einen Teil der Medizin ohne Ansteckungsrisiko verfügbar machen, ebenso wie telemedizinische Betreuungskonzepte von Pflegeheimen, wie es z.B. Dr. med. Irmgard Landgraf in Berlin schon seit Jahren praktiziert. Gerade bei älteren und möglicherweise eingeschränkten Patienten sind aber auch Grenzen des Verständnisses und der sog. „digital literacy“ zu berücksichtigen, sie müssen in solchen virtuellen Kontakten gut begleitet werden – von Angehörigen oder Pflegepersonal.

Neben den schon oft genannten technischen Voraussetzungen (flächendeckende ausreichende Bandbreite des Internets, Telematik-Infrastruktur für sicheren Datentransfer) möchte ich besonders zwei weitere Punkte ansprechen. Telemedizin passt oft nicht in unser stark sektoral ausgerichtetes und selbstverwaltetes Gesundheitswesen, da die Versorgungskonzepte oft intersektoral sind und auch den Patienten zuhause einbeziehen. Wir brauchen dafür neue andere Vergütungsstrukturen und eine Infrastruktur, die Telemedizinzentren mit 24/7-Betrieb einbezieht, so dass z.B. Videosprechstunden nicht nur zu normalen Sprechzeiten der Ärzte zur Verfügung stehen. Zum zweiten krankt die Verbreitung von Telemedizin an mangelnder Ausbildung und Information. Telemedizin gehört regelhaft in das Medizinstudium, es sollte eine Verpflichtung zur Weiterbildung geben und gute breit gestreute Informationen für Patient*innen.

Unser Thema im April 2020:

Stärken und Perspektiven der HAW

Prof. Dr. Marcus Baumann | Ein Thema - zwei Stimmen

© HRK/David Ausserhofer

Prof. Dr. Peter-André Alt | Hochschulrektorenkonferenz
Präsident

Im Vordergrund steht der profilgebende Praxis- und Anwendungsbezug, der Lehre und Forschung bestimmt. Im Zusammenhang mit dem Bologna-Prozess haben die Hochschulen für Angewandte Wissenschaften wachsende Verantwortung für die akademische Lehre übernommen. Der Ausbau der Studierendenzahlen von 600.000 (2008) auf 1 Mio. (2018) unterstreicht das auf eindrucksvolle Weise. Im Bereich der Lehre ist das besondere Engagement der HAW bei der Akademisierung von Ausbildungsberufen, bei Dualen Studiengängen und wissenschaftlicher Weiterbildung hervorzuheben. Für den Forschungssektor wäre vornehmlich der Wissens- und Technologietransfer in die Praxis zu nennen. Viele HAW sind Innovationsmotoren für ihre jeweilige Region, bilden einen wichtigen Standortfaktor und leisten entscheidende Beiträge für die unternehmerische Gründungskultur.

Große  Bedeutung für das zukünftige Studiengangsportfolio hat der Ausbau der Gesundheitswissenschaften. Im Blick auf die künftige Rekrutierung von Professorinnen und Professoren ist die Etablierung eines akademischen Mittelbaus erforderlich (Beispiele Berlin, Hessen). Regionalverbünde und Kooperationsmodelle mit Universitäten, darunter auch zum Zweck kooperativer Promotionen, sind zu intensivieren. Neue Forschungsschwerpunkte im Bereich der Sozialen Arbeit/Gesundheit dürften sich herausbilden. Langfristig wird es um eine Intensivierung internationaler Kooperationen gehen, auch mit Blick auf die Globalisierung des Forschungs- und Bildungssektors insgesamt.

HAW leiden, wie andere Hochschultypen auch, unter struktureller Unterfinanzierung. Grundsätzlich ist eine aufgaben- und leistungsangemessene Finanzierung nachhaltig sicherzustellen. Der Aufwuchs der Studierendenzahlen und zusätzliche Aufgaben (Mittelbau, Ausbau Gesundheitswissenschaften) müssen adäquat und verstetigt finanziert werden; zusätzliche Leistungserwartungen erfordern zusätzliche, jeweils angemessene Mittel. Zweckmäßig für die HAW ist eine auf Komplementarität der Aufgaben- und Leistungsprofile in den Ländern abzielende Landesentwicklungsplanung. Finanzierungsmodelle und finanzielle Anreizsetzung müssen auf die Vielfalt der Profile abgestimmt und mit differenzierten Steuerungsmodellen verzahnt werden. Ge­bo­ten ist eine Bündelung der Förderprogramme für angewandte Forschung und Transfer unter einem gemeinsamen organisatorischen Dach. Eine große Herausforderung bedeutet der gewachsene Weiterbildungsbedarf insbesondere im Bereich der Digitalisierung. Aufgrund ihres Fächerprofils könnten die HAW hier wichtige Beiträge leisten, jedoch erfordert das eine angemessene Aufstockung der Etats.

Grundsätzlich gilt, dass das deutsche Hochschulsystem mit dem Modell der funktionalen Differenzierung gut gefahren ist. Daraus ergibt sich, dass unterschiedliche Bedarfe mit entsprechend differenzierten Fördermechanismen abgesichert werden müssen.

Prof. Dr. Marcus Baumann | Ein Thema - zwei Stimmen

© FH Aachen, Arnd Gottschalk

Die Besonderheit der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften steckt schon in ihrem Namen: Wir schreiben die Anwendungsorientierung in Lehre und Forschung groß. Wer bei uns studiert, erhält eine wissenschaftliche Ausbildung mit vielen Praxisbezügen. Wer bei uns forscht, versucht Erkenntnisse der Theorie für die Anwendung in der Praxis nutzbar zu machen und so unmittelbar zur Entwicklung technischer und sozialer Innovationen beizutragen. Professorinnen und Professoren an HAWs haben vor ihrer Lehrtätigkeit außerhalb der Hochschule in der Wirtschaft und Industrie Praxiserfahrung gesammelt zum Beispiel in der Entwicklung, im Management, meist auch in leitender Position. Sie kennen somit den Gegenstand ihrer Lehre aus unmittelbar eigener Anschauung und Tätigkeit. Darüber hinaus pflegen wir in den HAWs gerade zu kleinen und mittelständischen Unternehmen zahlreiche Kontakte und Kooperationen. Den Transfer zwischen Theorie und Praxis begreifen wir als eigenständige zentrale Leistungsdimension unserer Hochschulen. Das drückt sich unter anderem in starken Strukturen wie Transferagenturen oder der Unterstützung von Gründerinnen und Gründern aus. Gleichzeitig sind HAWs wissenschaftliche Einrichtungen mit uneingeschränkt hohem Anspruch an die Einhaltung der Standards akademischer Lehre und Forschung.

Beim massiven Ausbau der Studienplätze in den letzten Jahren im Rahmen der Hochschulpakte haben HAWs einen großen Teil der Lasten geschultert. Unser Hochschultyp erfreut sich bei Studieninteressierten und Studierenden wachsender Beliebtheit, was sicherlich auch auf die große Praxisnähe des Studiums an unseren Hochschulen zurückzuführen ist. Gleichzeitig haben die HAWs aber auch kontinuierlich ihre Forschungsleistung gesteigert. Trotz hoher Lehrdeputate von 18 Semesterwochenstunden und einem weitgehend fehlenden akademischen Mittelbau forschen Professorinnen und Professoren an HAWs sehr intensiv. Dabei steht das Ziel der Anwendung und damit des Nutzens für die Gesellschaft im Mittelpunkt. Die anwendungsorientierte Forschung und Entwicklung setzt ein hohes Maß an Interdisziplinarität voraus, die HAWs besonders gegeben ist.

Forschung an HAWs hilft also dabei, eine wesentliche Lücke im deutschen Innovationssystem zu schließen, die zwischen einer sehr solide ausgestatteten Grundlagenforschung vornehmlichen an den Universitäten und vielen außeruniversitären Forschungseinrichtungen und einer bislang nur stiefmütterlich geförderten anwendungsorientierten Forschung und Innovationsentwicklung klafft. Der Aufbau einer systematischen, wissenschaftsgeleiteten Finanzierung dieser Art von Forschung an HAWs, die bislang fehlt, wäre daher ein wichtiger Beitrag zur Stärkung des deutschen Innovationssystems insgesamt. Denn nur wenn die Innovationskette von der ersten Idee/Erfindung/Erkenntnis bis zum fertigen Produkt oder Verfahren vollendet ist, ergibt sich ein volkswirtschaftlicher Nutzen.

Neben Grundmitteln für die Forschung schwebt uns eine auf anwendungsorientierte Forschung ausgerichtete Deutsche Transfergemeinschaft (DTG) vor, die vergleichbar mit der DFG nach wissenschaftsgeleiteten Kriterien und unabhängig von rein unternehmerischen Interessen die Entwicklung von sozialen und technologischen Innovationen fördert. Dabei geht es nicht um einen Schutzraum für HAWs. Auch Technische Universitäten würden von einer solchen Förderstruktur profitieren und nicht zuletzt auch die in Transferprojekten mit den Hochschulen kooperierenden Unternehmen. Beides zusammen – Grundfinanzierung für Forschung an HAWs und die Schaffung der DTG – würde nicht nur eine Stärkung der Hochschulen, sondern eben auch eine Stärkung des Wirtschaftsstandorts, dessen Rückgrat die kleinen und mittleren Unternehmen sind, zur Folge haben. Daher unterstützt beispielsweise auch der Bundesverband der mittelständischen Wirtschaft (BVMW) unsere Forderung nach einer DTG.

Auf das Hochschulrecht bezogen gibt es erfreuliche Entwicklungen, die dem Hochschultyp HAW neue Perspektiven eröffnen. Zu nennen ist hier zuallererst, dass es in vielen Bundesländern Bewegung beim Promotionsrecht gibt. NRW macht sich derzeit auf den Weg, die Weichen für ein Promotionskolleg der HAWs zu stellen, das mit einem eigenständigen Promotionsrecht ausgestattet sein soll. Das ist ein wichtiger Schritt, weil er endlich anerkennt, dass an unseren Hochschulen wirklich uneingeschränkt wissenschaftlich gearbeitet wird. Diese Zweifel sät der eine oder die anderen ja leider immer noch im Verteilungswettbewerb der Hochschulen und Hochschultypen um knappe Ressourcen. Darüber hinaus müssen wir als HAWs immer wieder auf die Besonderheiten unserer Hochschulen hinweisen, die zum Teil historisch bedingt sind, zum anderen Teil aber auch etwas mit unserem spezifischen Profil zu tun haben. Dass es Universitäten und HAWs in unserem Land gibt, ist gut und richtig. Es macht die besondere Stärke unseres Hochschulsystems aus.

Unser Thema im Februar 2020:

Cybersicherheit

Dirk Backofen | Ein Thema - zwei Stimmen

© Telekom Deutschland

Dirk Backofen | Telekom Security
Bereichsleiter

Wir sehen derzeit, wie sich die unterschiedlichen Effekte der Digitalisierung der Gesellschaft auf unser Leben auswirken. Viele Menschen gehen sehr offen mit den neuen Möglichkeiten um, die sich uns allen bieten. Dadurch entsteht eine frische, positive Dynamik, die aber leider auch Begehrlichkeiten weckt. Kriminelle nutzen immer professioneller digitale Medien, um sich zu bereichern. Bedrohungen, wie das Emotet-Ökosystem, sind ein aktuelles Beispiel dafür. Es steht etwa für Erpressung, Identität- und Daten-Diebstahl, ist modular, flexibel und jeder von uns kann damit in Kontakt kommen. Leider schützen sich Privatpersonen, Behörden und Unternehmen viel zu selten wirkungsvoll gegen diese Gefahren. Es herrscht eine gewisse Naivität, die es Kriminellen leicht macht. Zu leicht für meinen Geschmack und deshalb engagiere ich mich für Aufklärung und besseren Schutz. Unsere Sensoren erfassen momentan im Schnitt 42 Millionen Angriffe pro Tag, in der Spitze bis zu 60 Millionen – das kann man einfach nicht ignorieren.

So sehr Exzellenz in Forschung und Lehre auch wünschenswert ist – mehr als 90 Prozent aller Studierenden insgesamt zieht es später in die Wirtschaft. Je praxisnäher ein Studium grundsätzlich ist, desto schneller sind Absolventen zu integrieren und bereit für herausfordernde Aufgaben. Nähe zur Wirtschaft für einen optimalen Austausch ist daher eklatant wichtig für Hochschulen. Nur so kommen aktuellste Themen frühzeitig ins Curriculum. Hochschulen für angewandte Wissenschaften suchen diese Praxisnähe in der Regel vorbildlich und leisten damit einen wichtigen Beitrag, um den strukturellen Fachkräftemangel in Deutschland abzumildern. Wir fördern diesen Austausch als Deutsche Telekom AG von je her, gerade im MINT-Bereich.

Initiativen, wie das Cyber Security Cluster Bonn, können eine wertvolle Plattform sein. Dort agieren unterschiedliche Akteure gemeinsam, tauschen sich aus und schaffen Synergien. Ich würde aber nicht nur auf die Studierenden schauen. Die Frage ist, wie ich Lehrstühle quasi hybrid als Mitglied in Cybersecurity-Projekte der Wirtschaft integrieren kann. Können diese so flexibel sein, wie es das Tagesgeschäft und der Innovationsdruck durch technische Neuerungen auf unserer Seite erfordert – ohne, dass die Lehre darunter leidet? Daran müssen wir uns wohl im Einzelfall herantasten. Eine pauschal gültige Lösung sehe ich nicht, bin aber offen für Experimente.

In zehn Jahren werden wir bundesweit und auf europäischer Ebene viel enger zusammenarbeiten, als heute noch zum Teil. Eine Digitale Sicherheitsunion hat sich etabliert, die den wirksamen Schutz unserer Bürger, Unternehmen und Werte auf ihrer Agenda hat. Die Gesellschaft hat ein Stück weit gelernt, sich nicht nur vor Einbruch und Sonnenbrand, sondern auch vor digitalen Gefahren aktiv zu schützen. Cyber Security ist dann eine Selbstverständlichkeit, die ihren Preis hat, aber als unverzichtbare Basis jeglicher digitalen Aktivitäten wahrgenommen wird. Zwar gibt es immer noch Millionen von Angriffsversuchen pro Tag auf potentielle Schwachstellen. Diese sind mittlerweile aber eher lästig, so wie Spam-Mails. Das allgemeine Sicherheitsniveau ist besser geworden und daher fühlen wir uns subjektiv sicherer. Dazu hat das Cyber Security Cluster Bonn in nicht unerheblicher Art und Weise beigetragen.

Prof. Dr. Hartmut Ihne | Ein Thema - zwei Stimmen

© C. Belzer

Prof. Dr. Hartmut Ihne | HS Bonn-Rhein-Sieg
Präsident
Beiratsmitglied HN NRW

Zunächst stellt es überhaupt eine Herausforderung dar, die mit der Cybertechnik verbundenen Innovationen und Chancen angemessen zu erkennen und zu nutzen. Dabei ist der digitale Wandel in der Gesellschaft so zu gestalten, dass die Potentiale auch allen zu Gute kommen. Des Weiteren müssen erkennbare Risiken angemessen verstanden werden, damit Wirtschaft, Politik und Gesellschaft klug damit umgehen können. Außerdem ist es wichtig, dass alle Schutzrechte, die den Individuen als Mensch, Staatsbürger und Verbraucher zustehen, auch in der digitalen Welt realisiert werden.

Aktuell und in Zukunft haben wir einen sehr hohen Bedarf an Fachkräften mit Expertenwissen auf dem Gebiet der Cyber Security. Daher müssen wir weitaus mehr Studierende mit entsprechender Spezialisierung ausbilden. An den Hochschulen für angewandte Wissenschaften erfahren Studierende ein exzellentes und praxisnahes Studium, auch in Kooperation mit Unternehmen und Behörden, wodurch sie sehr schnell in der Praxis einsatzfähig sind. Zudem haben Hochschulen für angewandte Wissenschaften bereits in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass sie schnell und flexibel relevante Bedürfnisse der Gesellschaft und der Märkte in ihren Lehrangeboten sowie in ihren Forschungs- und Transferschwerpunkten aufnehmen und dadurch gesellschaftlichen Anforderungen gerecht werden.

Wir müssen noch besser strukturierte Wegebeziehungen zueinander aufbauen, d. h. es muss eine noch engere Verzahnung zwischen Hochschulen und der Praxis auf allen Ebenen, also bei Lehrenden, Studierenden und Forschenden, geben. Dafür braucht es auch programmatische Unterstützung der Wirtschafts- und Wissenschaftspolitik, z. B. durch gezielte Förderprogramme. Wichtig ist, dass die Hochschulen ihre Kompetenzen im Bereich Cyber Security auch für die regional angesiedelten Unternehmen sichtbarer machen. Ein Beispiel dafür ist das Lernlabor Cybersicherheit der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, welches wir zusammen mit einem Fraunhofer-Institut (FKIE) betreiben. Zudem planen wir entsprechende weitere Studienangebote.

Heutzutage werden Infrastrukturen, Produkte und IT-Sicherheit in der Öffentlichkeit häufig noch separiert wahrgenommen. Allerdings können die meisten neuen Geräte im Haushalt, man mag etwa an Smart-TVs oder Kaffeemaschinen denken, vernetzt und mit dem Internet verbunden werden. Solche Geräte eignen sich daher tendenziell für Angriffe, und ich bin mir sicher, dass das nicht jedem in seiner Tragweite bewusst ist. Daher ist es unerlässlich, dass wir das Bewusstsein durch Bildung sowie Wissenschaftskommunikation für die Thematik schärfen und Sicherheitsaspekte integrierter verstanden werden. Insgesamt müssen wir das Thema Cyber Security in Politik und Recht widerspiegeln, aber es auch zum Geschäftsmodell machen: nämlich durch sichere digitale Dienstleistungen und Güter.

Unser Thema im August 2019:

Innovation | Transfer | Dt. Transfergemeinschaft

Staatsekretär Christoph Dammermann | Ein Thema - zwei Stimmen

© MWIDE NRW/F. Wiedemeier

Forschungsaktivitäten, die sich auf die berufliche und gesellschaftliche Praxis ausrichten, sind wesentliche Impulse für die Innovationsfähigkeit in Nordrhein-Westfalen. Dies wird vor allem durch den „Transfer über Köpfe“ geleistet, der ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal und gleichzeitig zentraler Erfolgsfaktor für die Hochschulen für Angewandte Wissenschaften ist. Praxisorientierte Akademiker können vergleichsweise leicht zwischen Wirtschaft und Gesellschaft und den Hochschulen für angewandte Wissenschaften die Seiten wechseln. In einem solchen Perspektivwechsel liegen große Potenziale für die Innovationsfähigkeit unserer Wirtschaft und Gesellschaft. Damit sind die Hochschulen für Angewandte Wissenschaften auch der wichtigste Partner der regionalen Wirtschaft, wenn es um die anwendungsorientierte Forschung sowie den Transfer von praktischem Wissen in die Anwendung geht. Davon profitiert vor Ort insbesondere der Mittelstand.

Ein enger Austausch zwischen Wirtschaft und Wissenschaft ist unerlässlich, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Ein gut funktionierender Wissenstransfer schafft die Voraussetzungen dafür, dass Nordrhein-Westfalen die Chancen der Digitalisierung als Vorreiter konsequent nutzen kann und damit als Standort attraktiv bleibt. Die Landesregierung unterstützt die Akteure vor Ort auch durch Entbürokratisierung und Vereinfachung – unter anderem im Rahmen der Entfesselungspakete. Der Handlungsdruck in den Gemeinden und die Bereitschaft, die Regionen wettbewerbsfähig zu halten, müssen steigen, denn Fachhochschulen und Hochschulen für Angewandte Wissenschaften können dies nur gemeinsam mit weiteren Akteuren leisten. Die Zusammenarbeit der Akteure im Projekt „ruhrvalley“ ist ein gutes Beispiel hierfür.

Fachhochschule und Hochschule für Angewandte Wissenschaften tun gut daran, sich auf die Region zu fokussieren. Die aktuellen Ideen zur Vernetzung der Akteure, etwa in regionalen Innovationscampi und Partnerschaften, haben großes Potenzial. Sowohl die Vielfältigkeit als auch die regionale Vernetzung  sind die großen Stärken der FH und HAW. Die Wirtschaft braucht Impulse aus dem Hochschulraum, zum Beispiel bei der digitalen Transformation. Hier besteht für die FH/HAW noch viel Handlungsspielraum.

Es gibt auf unterschiedlichen Ebenen viele verschiedene Programme zur Forschungsförderung an Fachhochschulen. Das Wirtschafts- und Innovationsministerium schafft mit Projekten wie dem Gründerstipendium oder dem Förderwettbewerb „START-UP-Hochschul-Ausgründungen“ wichtige Anreize, innovative und spannende Ideen zur Marktreife zu bringen und Nordrhein-Westfalen zum Gründerland Nummer 1 zu machen.  Ob die Gründung einer „Deutschen Transfergemeinschaft“ in diesem Zusammenhang sinnvoll und nötig ist, muss klug abgewogen werden. Ich verstehe grundsätzlich den Wunsch der Hochschulen für Angewandte Wissenschaften danach, über ein Pendant zur Deutschen Forschungsgemeinschaft zu verfügen. Ich frage mich allerdings auch, ob eine solche neue Institution nicht möglicherweise auch einen Beitrag zur weiteren Versäulung des Innovations- und Wissenschaftssystems darstellt. Dies hielte ich für kontraproduktiv, weil wir doch gerade mehr Interaktion und Zusammenarbeit von Akteuren aus unterschiedlichen Bereichen benötigen, um neue Innovationspotenziale zu erschließen.

Prof. Dr. Klaus Becker | Ein Thema - zwei Stimmen

© TH Köln

Prof. Dr. Klaus Becker | TH Köln
Vizepräsident für Forschung und Wissenstransfer
Beiratsmitglied HN NRW

Die FH/HAW haben in den letzten zehn Jahren ihre Aktivitäten im Bereich der angewandten Forschung sowie des forschungsbasierten Innovationstransfer massiv gesteigert. Sie sind in der Fläche des Landes NRW präsent und stehen Unternehmen und Institutionen als natürliche Partner für den forschungsbasierten Innovationstransfer vor Ort zur Verfügung. Die FH/HAW beziehen externe Partner bereits bei der Ideenfindung für neue Innovationsprojekte mit ein und entwickeln diese gemeinsam mit Ihnen. Ein modernes Transferverständnis wird in der Praxis gelebt.

Grundsätzlich besteht sowohl in der Wirtschaft wie auch an den FH/HAW die Bereitschaft eng und vertrauensvoll im forschungsbasierten Innovationstransfer zusammenzuarbeiten. Die dabei zu beachtenden rechtlichen Rahmenbedingungen werden zunehmend komplexer. Ursächlich sind die geltenden Steuergesetze und deren kontinuierlichen Weiterentwicklung wie auch der Unionsrahmen. Der erforderliche administrative Aufwand übersteigt in vielen Fällen die Verhältnismäßigkeit im Vergleich zum Projektaufwand sowie zu den zu leistenden Steuerzahlungen. Durch die Einführung von Bagatellgrenzen oder Pauschalen ohne umfassende Nachweispflichten könnte eine erhebliche administrative Verschlankung erreicht werden.

Räumliche Nähe bietet die Chance der Zusammenführung von Bedarfen in der Wirtschaft mit den fachlichen Kompetenzen und personellen Kapazitäten in den FH/HAW. Dies gilt insbesondere für die Gewinnung von qualifiziertem Fachpersonal, die wissenschaftlichen Weiterbildung von vorhandenem Personal, die Generierung und Umsetzung von innovativen Ideen oder die Nutzung von Potentialen durch Digitalisierung in Unternehmen. Die Kommunen, insbesondere außerhalb der Ballungsräume, können hier eine initiierende und koordinierende Funktion übernehmen und bei der regionalen Vernetzung von FH/HAW und Unternehmen als Katalysator für regionale Innovationspartnerschaften fungieren.

Das Land NRW verfügt mit den Professorinnen und Professoren an den FH/HAW über ein großes Potenzial an wissenschaftlichen Kompetenzen verbunden mit umfangreichen Praxiserfahrungen in Wirtschaft und Kultur. Dieses Potenzial wird unter den derzeitigen Rahmenbedingungen nur unzulänglich für die angewandte Forschung genutzt. Sinnvoll erscheint ein Ausbau des wissenschaftlichen Mittelbaus an FH/HAW bei gleichzeitiger Entlastung der Professorinnen und Professoren in der Lehre. Mit einem Betrag von ca. 36 Mio. Euro jährlich beispielsweise könnten in NRW flächendeckend forschungsaktive Professorinnen und Professoren an den FH/HAW in der Lehre um vier Semesterwochenstunden entlastet werden.

Eine Lücke besteht derzeit in der deutschen Förderlandschaft bei der initiativen Umsetzung von innovativen Ideen der angewandten Forschung. Es gibt keine Förderprogramme der angewandten Forschung ohne Einbindung externer Partner. Dafür sollten auf Bundes- und/oder Landesebene Mittel bereitgestellt werden. Diese Fördermaßnahmen könnten in einer Deutschen Transfergemeinschaft von der Wissenschaft selbst verwaltet werden.

Unser Thema im Juni 2019:

Akademisierung in Pflegeberufen

Staatssekretär Dr. Edmund Heller | Ein Thema - zwei Stimmen

© Land NRW / R. Sondermann

Durch die Pflegeberufereform wird zum 01.01.2020 erstmalig neben der bewährten fachschulischen Ausbildung ein Regelstudium in der Pflege möglich, in dem der Bachelorabschluss und die pflegerische Berufszulassung gemeinsam erworben werden. Der Prozess der Akademisierung des Pflegeberufes ist nicht nur Ausdruck einer langfristigen gesellschaftlichen Aufwertung sowie einer inhaltlichen Differenzierung und Professionalisierung zwischen berufsfachlicher und hochschulischer Ausbildung, sondern ist auch Teil der aktuellen Strategien zur Sicherung der Fachkräftepotenziale insgesamt. Ein wesentliches Argument für die akademische Pflegeausbildung besteht in der Attraktivitätssteigerung des Pflegeberufes durch die Möglichkeit, in diesem Beruf auch eine akademische Karriere durchlaufen zu können. Mit dieser regelhaften Qualifizierungsoption werden in Ergänzung zur bewährten fachschulischen Ausbildung Bewerberinnen und Bewerber angesprochen, die eine entsprechende Hochschulzugangsberechtigung erlangt haben sowie Pflegende, die innerhalb oder nach der berufsfachlichen Pflegeausbildung ein Studium der Pflege absolvieren möchten.

Die akademische Pflegeausbildung stellt eine wichtige Weiterentwicklung im Gesundheitswesen dar. Die komplexer werdende pflegerische Versorgung in den unterschiedlichen Versorgungsfeldern sowie die Notwendigkeit der Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit den anderen akademischen Gesundheitsberufen benötigen neben der bewährten fachschulischen Qualifikation auch ein akademisches Kompetenzniveau auf Stufe 6 des Deutschen Qualifikationsrahmens. Aus dieser Entwicklung ergeben sich viele Optionen, einen qualitativ hochwertigen Beitrag zur Versorgung im Gesundheitswesen zu leisten. Bereits seit geraumer Zeit wird die Besetzung von entsprechenden Stabsstellen in der Pflegedirektion, in der Leitung von pflegerischen Versorgungseinheiten und auch in der Qualitätssicherung durch hochschulisch qualifiziertes Pflegepersonal umgesetzt. Die Studie VAMOS, die den Verbleib von Absolventinnen und Absolventen der Modellstudiengänge untersucht und vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales gefördert wird, wird nach Abschluss in diesem Sommer differenzierter aufzeigen, in welchen Versorgungsbereichen akademische Pflegekräfte einen Versorgungsbeitrag leisten.

Die Frage nach zukünftigen Entwicklungen kann nach meiner Einschätzung kaum seriös beantwortet werden. Zur VAMOS-Studie, die federführend an der Hochschule für Gesundheit in Bochum stattfindet, wurde bereits Bezug genommen. Die Ergebnisse dieser Studie werden einen aktuellen Überblick über Tätigkeiten von Pflegeakademikerinnen und –akademikern in der Versorgungspraxis aufzeigen. Entscheidend wird sein, ob die potenziellen Arbeitgeber attraktive und verantwortungsvolle Arbeitsplätze schaffen und diese auch entsprechend vergüten.

Die Regelungen des Pflegeberufegesetzes zum Pflegestudium erfordern eine gezielte Förderung der Weiterführung bzw. Einrichtung von Studiengängen. Momentan befinden sich alle Beteiligten in einer Übergangsphase, dies gilt sowohl für die berufsfachliche als auch die hoch-schulische Ausbildung. Die Primärqualifizierung beinhaltet, dass das Studium an den Lernorten Hochschule und Praxis stattfindet. Es ist durch eine Übergangsregelung bis zum 31.12.2031 auch möglich, be-stehende Kooperationen zur hochschulischen Ausbildung in Studiengängen von Hochschulen mit Pflegeschulen fortzuführen. Wir sind aktuell mit verschiedenen Hochschulen zu Fragen der Ausgestaltung pflegerischer Studiengänge nach dem Pflegeberufegesetz im Gespräch und haben die Anforderungen an die curricularen Grundlagen dieser Studiengänge in einem Entwurf einer Durchführungsverordnung zum Pflegeberufegesetz formuliert. Daran kann abgelesen werden, dass wir wie auch andere Länder im Moment die notwendigen rechtlichen Regelungen gestalten, dies gilt auch für das Pflegestudium.

NRW hat im Rahmen der Modellstudiengänge in der Vergangenheit eine wichtige Führungsrolle in der Entwicklung der Akademisierung der Pflege- und Gesundheitsfachberufe eingenommen Die nach dem Pflegeberufegesetz konkret aus- bzw. aufzubauenden Studienplätze in NRW werden im Moment mit dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft diskutiert. Den Ausbau der akademischen Bildung der Pflege- und Gesundheitsfachberufe nehmen wir heute und auch in Zukunft ernst.

Prof. Dr. Wolfgang M. Heffels | Ein Thema - zwei Stimmen

© Katholische Hochschule NRW

Prof. Dr. Wolfgang M. Heffels | Katholische Hochschule NRW
Dekan
Fachbereich Gesundheitswesen

Die Akademisierung der Pflegeberufe bietet für die Berufsgruppe der Pflegenden eine Personengruppe anzusprechen, die einen akademischen Abschluss wünschen und studieren wollen. Aus der empirischen Erhebung im Studiengang Duale Pflege, betrug der Anteil derer, die den Beruf ergriffen haben, weil er akademisch ist, ca. 20 %.  Die These, die Pflege wird durch die Akademisierung attraktiver, kann aus der Sicht der Studierenden positiv beantwortet werden.

Vor dem Hintergrund der Erfahrungen internationaler Studiengänge und den unterschiedlichen Qualifizierungsstufen (beruflich DQR 4) und (akademisch DQR 6) können akademisch qualifizierte Pflegende, Problemstellungen umfangreicher analysieren und bearbeiten. Darüber hinaus verfügen die akademisch qualifizierten Pflegenden über eine andere Selbstwirksamkeit und Selbstdarstellung.

Zunächst ist festzustellen, dass die berufsgesetzlichen Regelungen in Qualifizierungswegen aber nicht in den vorbehaltlichen Tätigkeitsaufgaben differenziert sind. Das heißt, es bleibt abzuwarten, ob und inwieweit sich in der Praxis die pflegerischen Aufgabenstellungen zwischen akademischen, beruflichen und weiterer Funktionsgruppen aufteilen wird. Hier ist die Praxis gefordert, Differenz- oder Integrationskonzepte zu entwickeln.

Die Festlegung eines Studiengangsmodells „Primärqualifizierung“ im Bundesgesetz bedeutet, dass die Hochschulen sowohl für den theoretischen als auch für die praktische Ausbildung verantwortlich sind und die Studierenden in der Praxis einen Praktikantenstatus erhalten. Die anderen Formen des dualen Studiums, wie beispielsweise ein praxisintegratives Studium, indem die Studierenden auch eine Art Vergütung erhalten und der Praxisort stärker in Verantwortung einbezogen wird, sind ausgeschlossen. Potentiell willige Studierende stehen vor der Frage, ein vierjähriges Studium ohne Bezahlung oder eine dreijährige Ausbildung mit anschließendem zweijährigen Studium zu absolvieren. Trotz guter Bafög-Bedingungen verzichten die primär qualifizierenden Studierenden in der Pflege auf eine hohe Entgeltsumme.

Leider wurde bis heute kein Sonderetat für die Studienkapazitäten im Bereich der angewandten Pflegewissenschaft vom Land bereitgestellt. Baden-Württemberg z. B. hat an dieser Stelle eine Finanzierung für einen bestimmten Anteil im Bereich Pflege fest verankert und die Hochschulen damit aufgefordert, entsprechende Kapazitäten zu erfüllen. In NRW geht man davon aus, dass durch Studienplatzumwidmungen (Abbau von anderen Studienplätzen anderer Studiengänge) neue Pflegestudienplätze etabliert werden können. Dieser Verdrängungsmechanismus führt zu erheblichen Konflikten in den Hochschulen (zwischen und innerhalb von Fachbereichen). Für neu zu etablierende Studiengänge erscheint die Baden-Württembergische Lösung zielführender und konsequenter zu sein, als das Motto „Der Hochschulmarkt wird`s schon richten“.

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