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Digitalisierung in der Gesundheitsversorgung

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Prof. Dr. Wolfgang Deiters

Nutzer*innengerechte Gesundheitstechnologien

Das Department of Community Health (DoCH) an der Hochschule für Gesundheit in Bochum beschäftigt sich mit Fragestellungen einer zielgruppengerechten gesundheitlichen Versorgung. Beispiele für Zielgruppen sind dabei etwa ältere Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund oder mit Beeinträchtigungen. Dabei gilt es, Gesundheitstechnologien so zu entwickeln, dass sie auf die individuellen Bedürfnisse der verschiedenen Personen(gruppen) zugeschnitten sind und Ihnen eine gleichwertige Teilhabe an der gesundheitlichen Versorgung ermöglicht.

Grafik zu selbstbestimmten Wohnen

Die Forschung betrachtet Gesundheitstechnologien aus verschiedenen Anwendungskontexten, denen Studiengänge hinterlegt sind. Mit einer Sicht auf ‚Gesundheit und Sozialraum‘ betrifft dies z. B. eine quartiersnahe, Setting spezifische Versorgung, aus einer Sicht ‚Gesundheit und Diversity‘ die Berücksichtigung von vielfältigen Gruppen, aus einer Sicht ‚Gesundheit und Diversity in der Arbeit‘ die Entwicklung von Lösungen zu gesundheitsförderlichen Arbeitsbedingungen. Aus einer Sicht ‚Gesundheitsdaten und Digitalisierung‘ werden schließlich die Weiterentwicklung von gesundheitlichen Versorgungsstrukturen auf der Basis von Gesundheitsdaten sowie die nutzer*innengerechte Gestaltung von digital gestützten Prozessen, Dienstleistungen und Produkten betrachtet. Dabei werden die verschiedenen Technologien als Lösungsbausteine in ihren Möglichkeiten und Weiterentwicklungen betrachtet, z. B. digitale Gesundheitsdienste (eHealth-Anwendungen, BigData/künstliche Intelligenz, Lösungen zur virtuellen/erweiterten Realität (VR/AR), 3D-Druck, Service- und Interaktionsrobotik.

Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Deiters

Was verstehen Sie unter Gesundheitstechnologien?
Gesundheitstechnologien sind – wie das Wort es schon sagt – prinzipiell alle technischen Systeme zur Förderung der Gesundheit. Im Kontext unserer Forschung beschäftigen wir uns schwerpunktmäßig mit digitalen Gesundheitstechnologien. Nachdem dieses Thema in Deutschland zunächst sehr zögerlich aufgegriffen wurde, wird Digital Health in der Zwischenzeit sehr vielfältig diskutiert. Elektronische Patientenakten, Gesundheits-Apps (die es neuerdings als digitale Gesundheitsanwendungen (DIGAs) auch schon auf Rezept gibt), Big Data Analyse von medizinischen Daten mit KI Algorithmen, 3D-Druck, Virtual Reality, Robotik sind nur einige Schlagworte in dieser Hinsicht.

In unseren Forschungen zu all diesen Themen interessiert uns weniger die technische Gestaltung, sondern die Zweckdienlichkeit und der tatsächliche Einsatz durch die nutzende Person. Wir sind überzeugt, dass viele der Technologien einen sinnvollen Beitrag leisten für ein effizientes und effektives Gesundheitssystem. Wir sehen aber nicht vordringlich die technische Machbarkeit, sondern eher Nutzen und Nützlichkeit für die Arbeitenden in den Gesundheitsberufen, Bürger*innen und Patient*innen als die Gestaltungsaufgabe. Wir denken und bewerten Technologien aus der Sicht gesundheitlicher Versorgungsprozesse und untersuchen insbesondere den Anwendernutzen.

Mit welchen Barrieren werden Sie konfrontiert bei der Entwicklung technologischer Innovationen im Gesundheitsbereich?
Die erste Barriere, die ich sehe, ist, dass Nutzer*innen zunächst erst einmal gar nicht oder zu spät in den Entwicklungsprozess einbezogen werden. Dann auch, dass sie in Diskussionen zu Technologien einbezogen werden, die sie nicht verstehen können. Vielfach gilt erst einmal, eine digitale Gesundheitskompetenz aufzubauen, um mitreden zu können. Das reduziert schon einmal die Berührungsängste. Wie kann man denn erwarten, dass ein älterer Mensch zur Aufrechterhaltung seiner selbständigen Lebensführung sich mit Ambient Assisted Living (AAL) Systemen auseinandersetzt. Das fängt schon beim Begriff an und weckt dann zunächst erst einmal diffuse Ängste von Überwachung, Datenschutzproblemen und dergleichen. Bei Personen aus Gesundheitsfachberufen, die mit einer (neuen) Technologie interagieren müssen, steht die Sorge der Überforderung oft vor der Erwartung, dass eine Unterstützung und Arbeitserleichterung geschaffen wird. Außerdem sollte die Entwicklung von technischen Innovationen interdisziplinär ablaufen: Die nutzende Person sollte dabei im Fokus stehen, Experten aus dem Gesundheitswesen sollten eng mit Experten aus der Entwicklungsbranche zusammenarbeiten und sich über technische Möglichkeiten, medizinische Inhalte und realistische Potentiale austauschen.

Für eine nutzerzentrierte Entwicklung gilt in erster Linie: Nicht für Nutzer*innen gestalten und über sie reden, sondern mit ihnen reden und sie einbeziehen.

Prof. Dr. Wolfgang Deiters, Hochschule für Gesundheit Bochum

Technische Assistenzsysteme halten immer mehr Einzug im Gesundheitswesen. Wie überzeugt man potenzielle Nutzer*innen vom Mehrwert solcher Anwendungen?
Für eine nutzerzentrierte Entwicklung gilt in erster Linie: Nicht für Nutzer*innen gestalten und über sie reden, sondern mit ihnen reden und sie einbeziehen. Wir brauchen Innovationsräume, in denen zunächst ein Grundverständnis vermittelt wird. Dann gilt es aufzuzeigen, dass die Anwendungen nützlich sind und zwar nicht abstrakt, sondern ganz konkret auch für eine Person. Das bedeutet auch, dass Lösungen auf individuelle Bedarfe zugeschnitten sein müssen (bzw. auf sie anpassbar sind). Die Lösung lautet: Show- und Experimentierräume schaffen, in denen Systeme angefasst und erste Erfahrungen gesammelt werden können, um Berührungsängste zu reduzieren. Und dann auch – je nachdem wie viel Entwicklungsbedarf existiert – eine möglichst gute Einbindung des/der Endnutzers*in in die Entwicklung bzw. eine entwicklungsbegleitende Evaluierung (z.B. über Reallabore, Maker Spaces).

Unterstützen Gesundheitstechnologien medizinisches Personal oder werden sie die Pflegekräfte in Zukunft ersetzen?
Das ist ja die Standardfrage, die immer gestellt wird. Ich glaube aber nicht an die Relevanz dieser Frage. Mittlerweile sind doch Fachkräftemangel bei gleichzeitig steigendem Bedarf durch demographischen Wandel, Beherrschung von Kostensteigerungen und Aufrechterhaltung/Steigerung von Qualität die verstandenen Herausforderungen. Die Frage ist doch eher, wie eine optimale Unterstützung der begrenzten Ressource Personal erreicht werden kann. Dann auch die Aufgabe: wie erreichen wir, dass der Aspekt menschliche Zuwendung bei zunehmender Technisierung nicht auf der Strecke bleibt? Es gibt doch wenig dagegen einzuwenden, wenn ein Service-Roboter im Hintergrund Hol- und Bringedienste übernimmt, für die zuvor ein*e Pfleger*in endlos hat hin und herlaufen müssen. Die Schreckensvision ist doch ein Aufklärungsgespräch von Patienten vor einer OP durch einen Computer. Es gilt also, die sinnvollen Einsatzszenarien zu suchen und die Arbeitsprozesse gut zu gestalten.

Steckbrief

Prof. Dr. Wolfgang Deiters von der Hochschule für Gesundheit, Bochum
  • Prof. Dr. Wolfgang Deiters, Professor für Gesundheitstechnologien | hsg Hochschule für Gesundheit Bochum

  • E-Mail: wolfgang.deiters@hs-gesundheit.de

  • Forschungsgebiete: Digitalisierungsstrategien im Gesundheitswesen, nutzerorientierte digitale Gesundheitsdienste für Prävention, Therapie und Pflege, mobile Gesundheitsdienste,  sozio-technische und ressourcenorientierte alltagsunterstützende Systeme für ein gesundes und langes Leben, digital unterstützte Versorgungsstrukturen

  • Was mich antreibt: Menschen aufzuschließen für nützliche Gesundheitstechnologien sowie kreative, innovative Lösungen für die gesundheitliche Versorgung zu entwickeln, die Anwender*innen nutzen wollen und die die gesundheitliche Versorgung verbessern.

Kurzvita

  • seit 2017: Hochschullehrer an der Hochschule für Gesundheit, Bochum
  • verschiedene Positionen am Fraunhofer Institut für Software- und Systemtechnik, Dortmund (Themenfelder: Prozessmanagement, eHealthcare)
  • Promotion an der technischen Universität Berlin
  • Studium der Informatik an der Universität Dortmund

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2021-03-16T10:29:59+01:0015.03.2021|Kategorien: Digitalisierung in der Gesundheitsversorgung|
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