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Digitalisierung in der Gesundheitsversorgung

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Professor Dr. Frank Schmitz

Innovation aus dem Hörsaal in den Pflegealltag

So lange wie möglich in den eigenen vier Wänden verbleiben – das ist das Ziel für viele pflegebedürftige Menschen und deren soziales Umfeld. Angebote, die dies unterstützen, werden dringend gebraucht, nicht nur im pflegenahen Bereich. Denn die Lebensqualität im Alter wird auch durch die Frage bestimmt, welche Dienstleistungsangebote sinnvoll, praktikabel und bezahlbar sind. Hochschulen müssen in diesem Kontext auch Impulsgeber für innovative Geschäftsmodelle in der Silver Economy sein.

Interview mit Prof. Dr. Frank Schmitz

Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie in Bezug auf die fortschreitende Digitalisierung in der Medizin und Pflege?
Es ist keine neue Erkenntnis, dass das Verhältnis von Mitarbeitern zu Patienten im Gesundheitswesen aus Sicht der Patienten in den kommenden Jahren tendenziell negativ entwickeln wird. Dies umfasst alle Versorgungsbereiche im Bereich der Medizin oder der Pflege. Es wird aber auch nicht nur die professionellen Berufsgruppen betreffen. Wir haben einmal in einer Projektion berechnet, dass im Jahre 2035 durchschnittlich jeder Zehnte in der Altersgruppe 45 und 65 Jahre ein pflegebedürftiges Elternteil selbst versorgen wird.

Ich würde daher in diesem Zusammenhang bei der Digitalisierung nicht nur von Chance sprechen, sondern auch von einer Notwendigkeit. Notwendig damit die Menschen sich um die medizinischen und pflegerischen Kernbereiche kümmern können. Diese Notwendigkeit hat dann gleichzeitig die Chance Versorgungsprozesse zu beschleunigen und menschliche Fehler zu reduzieren. Die Herausforderung ist, dass es nicht ausreichend sein wird, bestehende analoge Prozesse einfach zu digitalisieren. Digitalisierung ermöglicht auch neue und aus Sicht des Leistungsempfängers „bessere“ Prozesse. Dies erfordert enorme Veränderungsbereitschaft von Organisationen und damit auch von Mitarbeitern.

Sie forschen zur Akzeptanz digitaler Anwendungen in der Gesundheitswirtschaft. Zu welchen Erkenntnissen kommen Sie dabei?
Die Bereitschaft zur Verwendung von beispielsweise E-Health Lösungen ist eng verbunden mit der privaten Nutzung des Internets, insbesondere bei älteren Menschen. Ein Gruppenvergleich zum Zusammenhang der Verwendungsbereitschaft von E-Health und dem Besitz eines Smartphones zeigte einen signifikanten Unterschied zwischen den beiden Gruppen.

Zwischen der oberflächlichen Akzeptanz digitalisierter Lösungen und der Bereitschaft diese auch anzuwenden lässt sich allerdings eine große Diskrepanz erkennen. Die vollumfängliche Verwendungsbereitschaft bezogen auf die eigene Person liegt nicht immer vor. Die eigene Verwendungsbereitschaft wird durch die eigene Technikaffinität geprägt. Die Aufklärung, als notwendige Voraussetzung, für die eigene Verwendungsbereitschaft ist sowohl bei Leistungsempfängern, aber auch bei Mitarbeitern die größte Herausforderung.

Copyright Video: A. Koschmieder
Vielen Dank Dr. Mario Geißler und dem Q-HUB Chemnitz für die Unterstützung.

Was muss bei der Konzeption und Entwicklung digitaler Angebote beachtet werden, damit sie angenommen werden?
Digitale Anwendungen und Konzepte müssen aus der Kernprozess-Perspektive entwickelt werden, d. h. aus der konkreten Versorgungssituation: Was benötigen Mediziner, Pflegende und Pflegebedürftige in welchem Stadium? Wie sehen die jeweiligen Aufgaben der professionell Pflegenden – aber auch der Angehörigen – aus? Was davon kann durch prozessorientierte digitale Systeme ersetzt werden?

Bestehende digitale Anwendungen und Konzepte müssen weiterentwickelt werden, um den Zeitbedarf indirekter Tätigkeiten bzw. der pflegefernen Tätigkeiten in allen Sektoren zu minimieren. Dabei gilt es sowohl für die Mitarbeiter in der Gesundheitswirtschaft, als auch für die Leistungsempfänger eine Umgebung zu schaffen, in der sie sich auf den medizinischen und pflegerischen Versorgungsprozess fokussieren können.

Es braucht eine Vernetzung von bestehenden und zukünftigen digitalen und technisierten Insellösungen, die eine Prozessautomation im Bereich der indirekten Pflege bzw. der pflegefernen Tätigkeiten ermöglichen. Um dies zu erreichen, müssen innovative Anbieter und Entwickler digitaler Lösungen für Pflege leichteren Zugang zum Gesundheitssystem erhalten. Sollen digitale Lösungen von Patienten kontinuierlich angewendet werden, beispielsweise bei chronischen Erkrankungen, sind gamification Bestandteile – also spielerische Elemente – sehr wichtig, um eine dauerhafte und kontinuierliche Nutzung zu erreichen.

Wie können zukünftige Pflegekräfte für die Digitalisierung fit gemacht werden?
Digitalisierung und damit verbunden auch Prozesskompetenz sollte natürlich auch Teil der Ausbildung sein. Wobei wir bei jüngeren Mitarbeitern selten auf Ablehnung stoßen. In der Regel bringen jüngere Mitarbeiter eine ausreichende Technikaffinität mit. Ein analoges Arbeitsumfeld wird bei jüngeren Mitarbeitern eher als abschreckend empfunden. Menschen, die ihr privates Leben auf dem Smartphone organisieren, ist es nicht vermittelbar, dass Sie ihre Arbeitsergebnisse auf Papier dokumentieren. Diese jungen Mitarbeiter sollten aktiv in diese Veränderungsprozesse zur Digitalisierung einbezogen werden. Dies wäre eine Chance für alle Beteiligten, denn die jungen Pflegekräfte könnten innerhalb der Organisation die Mitarbeiter mitnehmen, die Berührungsängste mit digitalen Anwendungen haben.

Sie sind Gründer der Firma CosaVita, einem digitalgesteuerten Wäscheservice für Pflegedienste. Wie kam die Idee für das Unternehmen zustande und wie funktioniert die Dienstleistung in der Praxis?
In einem Projekt mit Studierenden und einem Pflegedienst wurden unterschiedliche Unterstützungsbereiche identifiziert. Zusammenfassend ergab sich die Frage, warum ist das Dienstleistungsangebot „Wäsche waschen“ in der stationären Pflege obligatorischer Bestandteil der Versorgungsform aber im Bereich der ambulanten Pflege gibt es gar kein Angebot auf dem Markt.

Wir haben eine App entwickelt, die auf einem Smartphone installiert wird und die Informations- und Logistiksteuerung durch scannen von Barcodes ermöglicht – “ohne zusätzlichen Papierkram”. Die Wäschereien stellen – wie auch in der stationären Pflege – Wäschesäcke bereit. Dieser Wäschesack ist mit einem Barcode beschriftet und aus einem geruchs- und nässeundurchlässigen Material. Sofern der Wäscheservice in Anspruch genommen werden möchte, wird der Wäschesack mit schmutziger Wäsche gefüllt. Der Barcode des Wäschesacks wird mit der „Wäscheservice App“ gescannt und dem Kunden zugeordnet. Die Wäscherei wird elektronisch per E-Mail darüber informiert, dass der Wäschesack am definierten Umschlagspunkt bei Pflegedienst am nächsten Vormittag zur Abholung bereitliegt. Die Logistik der Wäscherei wird demzufolge nur aktiviert, wenn auch schmutzige Wäsche zur Abholung bereitliegt.

Die Wäsche wird nach zertifizierten Hygienestandards gewaschen und schließlich zum Pflegedienst zurückgebracht. Die Mitarbeiter nehmen das Wäschepaket beim nächsten Besuch dann wieder mit zu ihren Kunden. So schließt sich der Kreislauf – innerhalb von wenigen Tagen. Durch ein kleines Etikett am Wäscheteil wird sichergestellt, dass jedes Wäschestück einzeln abgerechnet werden kann und wieder zu seinem Besitzer zurückkommt.

Hygienische Standards sind ebenfalls ein wichtiger Aspekt. Mit üblichen Haushaltswaschmaschinen lassen sich die Ergebnisse professioneller, nach Richtlinien des Robert-Koch-Instituts zertifizierten Wäschereien im Hinblick auf die Hygiene nicht erreichen.

Darüber hinaus lässt sich ebenfalls eine Nachhaltigkeit attestieren. Denn durch die Größeneffekte von Industriewäschereien lassen sich bis zu zweidrittel Energie je kg Wäsche im Vergleich zu Haushaltswaschmaschinen einsparen.

Was mit einer Idee im Hörsaal begann wurde zwischenzeitlich mit dem SENovation-Award 2019 der Deutschen Seniorenliga e.V. ausgezeichnet, als Lösung die den Alltag im Alter erleichtert und die Lebensqualität erhöht.

Steckbrief

Prof. Dr. Frank Schmitz | HS Rhein-Waal
  • Professor Dr. Frank Schmitz, Professor für Betriebswirtschaftslehre | HS Rhein-Waal

  • E-Mail: Frank.Schmitz@hochschule-rhein-waal.de

  • Forschungsgebiete: betriebswirtschaftliche Fragestellungen in der Gesundheitswirtschaft, Nutzen und Akzeptanz von digitalen Anwendungen in der Gesundheitsversorgung und den daraus resultierenden Geschäftsmodellen

Kurzvita

  • seit 04/2014: Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Fakultät Life Sciences der Hochschule Rhein-Waal
  • 2011: Promotion am Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftungslehrstuhl für Medizinmanagement der Universität Duisburg-Essen
  • bis 2005: Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Münster, Abschluss: Dipl. Kfm.
  • 1999: Ausbildung zum Informatikkaufmann in den Kliniken Maria Hilf GmbH in Mönchengladbach

Weitere Aktivitäten:

  • seit 2019 Beirat im Care for Innovation – Innovation pflegen e. V.
  • seit 2021 Vorstandsvorsitzender des Gesundheitsnetzwerkes Niederrhein e.V.

Weiterführender Link zum Thema oder Projekt

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2021-10-20T10:13:09+02:0011.10.2021|Kategorien: Digitalisierung in der Gesundheitsversorgung|

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